Stellungnahme des ASD
Der Bildungsbericht 2026 zeichnet ein klares Bild der Situation unseres Bildungssystems. Viele der be-
schriebenen Entwicklungen überraschen Schulleitungen nicht. Sie erleben diese Herausforderungen
seit Jahren täglich in ihren Schulen. Neu ist jedoch die Deutlichkeit, mit der die verschiedenen Prob-
lemlagen inzwischen zusammenwirken.
Schulen stehen heute vor der Aufgabe, sinkende Leistungen, wachsende soziale Ungleichheiten, zu-
nehmende Heterogenität, Integration, Inklusion, Ganztagsausbau, Digitalisierung, einen anhaltenden
Fachkräftemangel und Weiteres gleichzeitig zu bewältigen. Dabei handelt es sich nicht um einzelne
Baustellen, sondern um Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken und die Handlungsmöglichkei-
ten vieler Schulen zunehmend begrenzen.
Besonders besorgniserregend ist, dass Bildungsungleichheit weiterhin in hohem Maße über Bildungs-
erfolge entscheidet. Wenn jedes vierte Kind in Deutschland von mindestens einer sozialen Risikolage
betroffen ist und Kinder mit Einwanderungsgeschichte oder aus sozial belasteten Familien deutlich
schlechtere Bildungschancen haben, dann zeigt sich einmal mehr: Schule allein kann gesellschaftliche
Ungleichheiten nicht ausgleichen. Sie kann viel leisten, aber sie kann die Folgen sozialer Probleme nicht
dauerhaft kompensieren -was letztlich erhebliche volkswirtschaftliche Probleme verursacht.
Der Bildungsbericht macht deutlich, dass viele Unterschiede bereits lange vor der Einschulung entste-
hen. Gleichzeitig wird von den Schulen aber scheinbar erwartet, diese Unterschiede im weiteren Bil-
dungsverlauf auszugleichen. Schulleitungen erleben täglich, wie groß diese Aufgabe geworden ist. Ge-
rade Schulen in sozial herausfordernden Lagen übernehmen heute weit mehr als klassische Bildungs-
aufgaben. Sie sind neben Lern- und Integrationsort, Beratungszentrum, betreiben Prävention und sind
oft genug auch eine der letzten stabilen Institutionen im Lebensumfeld vieler Kinder und Jugendlicher.
Mit Sorge betrachtet der ASD die anhaltenden Kompetenzrückgänge in zentralen Bereichen wie Lesen,
Mathematik und den digitalen Kompetenzen. Wenn immer mehr junge Menschen die Mindeststan-
dards nicht erreichen, betrifft dies nicht nur ihre persönliche Zukunft. Es betrifft die gesellschaftliche
Teilhabe, die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes und letztlich auch die Stabilität unserer De-
mokratie.
Gleichzeitig zeigt der Bericht ein weiteres Problem deutlich auf: Die Anforderungen an Schulen wach-
sen schneller als die verfügbaren Ressourcen. Obwohl die Bildungsausgaben in den vergangenen Jah-
ren gestiegen sind, nimmt der Anteil der Bildungsausgaben am öffentlichen Gesamthaushalt wieder
ab. Viele Schulleitungen erleben deshalb einen Widerspruch zwischen politischen Erwartungen und
den tatsächlichen Möglichkeiten vor Ort.
Der ASD sieht deshalb die Notwendigkeit, Schulen in herausfordernden Sozialräumen deutlich stärker
zu unterstützen. Chancengerechtigkeit entsteht nicht dadurch, dass alle Schulen das Gleiche erhalten.
Chancengerechtigkeit entsteht dort, wo diejenigen Schulen mehr Unterstützung bekommen, die vor
größeren Herausforderungen stehen. Wer mehr Integration leisten muss, wer mehr Sprachförderung
benötigt, wer mehr Kinder aus belasteten Lebenslagen begleitet, braucht auch mehr Personal, mehr
Zeit und bessere Unterstützungssysteme.
Ebenso dringend ist die Stärkung der Schulleitungen. Die Rolle von Schulleiterinnen und Schulleitern
hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Neben der pädagogischen Verantwortung
tragen sie heute Verantwortung für Personalentwicklung, die Fortentwicklung ihrer Schule als Organi-
sation, den Ganztag, ebenso für Inklusion und Sprachbildung. Ganz zu schweigen von einer Bildung für
nachhhaltige Entwicklung und Demokratiebildung sowie Digitalisierung und ganz topaktuell die Forde-
rung Schülerinn und Schüler krisenfest zu machen. Diese Verantwortung braucht entsprechende Rah-
menbedingungen, ausreichend Leitungszeit und professionelle Unterstützung.
Der ASD sieht den weiteren Ausbau multiprofessioneller Teams als essenziell an und unterstützt diese
Bestrebungen ausdrücklich. Lehrkräfte allein können die vielfältigen Aufgaben moderner Schulen nicht
bewältigen. Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, pädagogische Fachkräfte, Integrationshilfen und wei-
tere Professionen sind längst keine Ergänzung mehr, sondern eine notwendige Voraussetzung für er-
folgreiche Bildungsarbeit.
Der Bildungsbericht 2026 macht deutlich, dass die Herausforderungen bekannt sind. Die Daten liegen
vor. Die Probleme sind beschrieben. Nun kommt es darauf an, aus diesen Erkenntnissen die richtigen
Konsequenzen zu ziehen. Schulen brauchen vor allem Verlässlichkeit, Planungssicherheit und eine Aus-
stattung, die den tatsächlichen Anforderungen gerecht wird. Nur dann können sie auch künftig die
wichtige Aufgabe erfüllen, allen Kindern und Jugendlichen faire Bildungs- und Zukunftschancen zu er-
öffnen.
